4. Gang: Interview mit Andrea Schmoll

„Medium Hörbuch deshalb, weil durch das Gespräch - die O-Töne -
die Bibliotheca Gastronomica lebt...“

~Andrea Schmoll~

Muss man kochen können, um sich der Gastrosophie zuzuwenden?

Fr. Schmoll: Walter Putz, der Sammler der Bibliotheca Gastronomica, hat nie kochen gelernt. Gastrosophie ist nicht gleich Kochkunst. Wenn man so will, ist sie deren Schwester. Gastrosophie umfasst die Kulturgeschichte des Kochens, der Küchen, des Essens, alles, was rund um die Tafel passiert. Theorie und Praxis gehen dabei Hand in Hand. So war auch Brillat-Savarin kein Koch, sondern Jurist, der sich dem Geschmack wissenschaftlich-methodisch annahm. Wenn wir uns mit der Gastrosophie beschäftigen, geht es ums Denken, Fühlen und Genießen.

Wie kann das gelingen bei einer so immateriellen, geradezu fleischlosen Substanz wie dem Buch? Sie haben es mit einer ganzen Bibliothek aufgenommen!

Fr. Schmoll: Als ich den ehemaligen Oberkellner Walter Putz kennen lernte, der sein gesamtes Vermögen in eine Kochbuchsammlung investiert hatte, merkte ich, dass in diesen Bücher mehr steckt, als eine Zutatenliste. Die 4000 Bände der Bibliotheca Gastronomica spiegeln die Kulturgeschichte von fünf Jahrhunderten.

Doch ein Spiegel muss immer geputzt sein und strahlen…

Gründung der Internationalen Gesellschaft für Gastrosophie
Fr. Schmoll: …und er braucht einen soliden Rahmen. Walter Putz hatte seine Sammlung der Universitätsbibliothek Dresden vermacht. Jedoch war sie dort, wie sich nach einiger Zeit herausstellte, nicht gut aufgehoben. Ich setzte mich dafür ein, dass die Sammlung zurück nach Baden kam. Die Badische Landesbibliothek zeigte unter dem Titel „Die Kunst des Essens und Genießens“ Exponate aus der Sammlung Putz. Außerdem legte ich eine Festschrift für Walter Putz vor und nahm Kontakt zur Gastronomischen Akademie Deutschlands auf. Ende 2008 gründete ich mit anderen in Baden-Baden die Internationale Gesellschaft für Gastrosophie, damit das kulinarische Vermächtnis der vergangenen Jahrhunderte nicht in Vergessenheit geriet.

Soweit der Rahmen, was geschah mit dem Inhalt?

Fr. Schmoll: Der staubte erst mal in dicken Schwaden, als ich mich nach und nach durch die 4000 Bände der Bibliotheca Gastronomica las. Wenn man so will, musste ich mir das kulinarische Wissen in Riesenportionen einverleiben.

Wo blieb da der Genuss?

Fr. Schmoll: Jede Epoche hatte ihren besonderen Ort für den Genuss. Im Mittelalter waren es die Klöster, dann die Schlösser. Aus den nach der Französischen Revolution entstandenen Suppenküchen wurden Restaurants, im 19. Jahrhundert kamen die Grandhotels hinzu, in denen man an Einzeltischen à la Carte wie in Privaträumen speiste. Hier vollendete sich die Gastrosophie. Das Hotel ist ein Phänomen der Moderne und ein Ort der Konversation. Mein Medium des Genusses ist das Hörbuch.

Das verglichen mit der gedeckten Tafel eines Grandhotels einen recht kargen Genuss verspricht?

Fr. Schmoll: Von wegen! Bei der Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek hatte ich die Erfahrung gemacht, dass Bücher noch so wertvoll sein können, wenn sie hinter Glas liegen, sind sie tot. In der Ausstellung ging es zu wie in einer Leichenhalle. Das wollte ich unbedingt ändern. Das Hörbuch „Gastrosophie und Lebensfreude“ war der erste Schritt in diese Richtung.

Aber genau genommen, ist es doch vor allem Ohrenfutter.

Fr. Schmoll: Das stimmt nicht, das Wort geht durch alle Sinne, weil es Geschichte erzählt. Das ist ja gerade die Herausforderung für mich. Zum einen muss ich die herkömmliche Ausstellung beleben. Zum anderen sind Essen und Trinken sinnliche Angelegenheiten. Diese Qualitäten habe ich in Wort und Bild übersetzt. Einen Impuls dafür bekam ich beim ICD Award 2010 in Davos, als ich Anton Mosimann (OBE) kennen lernte. Er hat wie Putz eine erlesene Kochbuchsammlung, die er für die Nachwelt bewahrt wissen wollte.

…aber da war das Problem mit der Ausstellung mit Leichenhallenstimmung.

Fr. Schmoll: Genau, daher entwickelte ich die Form einer „Gesprächsausstellung“. Das heißt, auf elf Bannern habe ich Faksimiledrucke und Ausschnitte aus fünf Jahrhunderten Kulturgeschichte der Tafel zusammengestellt. Dazu lade ich mir einen Gast ein. Bei meiner Premiere in Baden-Baden im März 2012 war es Sir Anton Mosimann.

Was leistet dabei das Hörbuch? Gerade erschien Ihr jüngstes Werk „Kulturerbe Kochkunst“.

Fr. Schmoll: Es lädt den Hörer zu einer Zeitreise durch die Geschichte der Tafel ein. Die passt natürlich nicht auf die elf Banner der Ausstellung. Doch ist mit Anton Mosimann eine Stimme aus der Gesprächsausstellung zu Gast. Ich habe hier bewusst den O-Ton aus dem Gespräch gewählt, denn ich wollte den Fluss seiner Gedanken nicht unterbrechen.

Wenn man so will: Es gilt das gesprochene Wort?

Fr. Schmoll: Ja, die Bibliothek lebt! Sie lebt im gesprochenen Wort, möglichst authentisch. Denn ich habe mit meinem Hörbuch weder ein Hörspiel zur Tafelkultur noch eine Inszenierung beabsichtigt. Das Hörbuch greift die Form meiner Gesprächsausstellung auf. Und ein Gespräch ist je nach Teilnehmerkreis immer anders.

Gilt das auch für das Kulturerbe Kochkunst?

Fr. Schmoll: Für mich ist das ein Lebenszeichen des Kulturerbes Kochkunst. Wie jedes wahre Weltkulturerbe lädt es sich durch Leser, Besucher, im Austausch mit anderen, kurz durch Kommunikation immer wieder mit Gegenwart auf. Das erlebe ich gerade bei meinem Auftritt beim ICD Award 2012 in Davos, wo ich meine Ausstellung und mein neues Hörbuch präsentiere und auf lebhaftes Interesse stoße.

Das Interview führte Ina Fuhrmann.

Es ist Frau Schmoll ein Anliegen, die Schätze der vergangenen Jahrhunderte Kulturgeschichte der Tafel in die Zukunft zu tragen – und genau dazu lädt das Hörbuch ein! Lust auf eine Hörprobe? Klicken Sie hier (mp3) >>